Weniger Precht, mehr Vielfalt

Medien sollten ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. Aber trotz aller Lippenbekenntnisse hat sich nur wenig verändert. Dabei ist die Zeit der Ausreden längst vorbei.

Text: Maida Dedagić

Der durchschnittliche Journalist ist männlich und weiß, er ist in einem privilegierten Haushalt aufgewachsen und akademisch ausgebildet. Zwar arbeiten heute immerhin annähernd so viele Frauen wie Männer im Journalismus – in Führungspositionen ist davon aber weiter nur wenig zu sehen. Migrationshintergrund haben nur rund 6 Prozent der Journalisten in deutschen und österreichischen Redaktionen. Dabei hat ein Viertel der Bevölkerung in beiden Ländern Einwanderungsgeschichte. In diesen wie in weiteren Dimensionen von Diversität lässt sich festhalten: An der Diskrepanz zwischen dem Personal in den Redaktionshäusern und der gesellschaftlichen Realität hat sich trotz aller Initiativen nur wenig verändert. 

Auch das Programm ist wenig überraschend kaum vielfältiger als das dafür verantwortliche Personal. Ein Beispiel: Von rund 10 Prozent der Menschen hierzulande wird angenommen, dass sie nicht heterosexuell sind. Im TV liegt ihr Anteil bei ein bis zwei Prozent. Ähnliche Zahlenverhältnisse manifestieren Studien für Menschen mit Behinderung. Geht es um die Geschlechterverteilung von Experten in den Medien, könnte man sogar meinen, wir leben immer noch in den 1970er-Jahren. Das zeigt etwa eine Studie der MaLisa Stiftung über die Corona-Berichterstattung deutscher Medien: Von den interviewten Ärztinnen und Ärzten im TV waren 80 Prozent Männer – dabei sind seit Jahren 50 Prozent der Ärzteschaft Frauen. Eine Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften liefert ähnliche Ergebnisse für die politische Berichterstattung: Frauen kommen in lediglich 25 Prozent der Beiträge österreichischer Medien mit einer Meinung oder Einschätzung vor. 

Es ist eine traurige Bilanz: Medien sollten ein Spiegelbild der Gesellschaft sein, aber statt auf Diversität setzen sie dann doch lieber auf Richard David Precht. 

Maida Dedagić ist Journalistin aus Wien. Sie forschte 2022 als Stipendiatin des European Journalism Fellowships an der Freien Universität Berlin zum fortwährenden Mangel an Diversität in Medien und zu konkreten Möglichkeiten, es besser zu machen.

Die Zahlen frustrieren mehr, als sie überraschen. Wir kennen sie schließlich schon allzu lange. Doch auf den Befund folgt keine Behandlung. Alle reden über Diversity, finden die Idee ganz fein, aber mehr Platz für Vielfalt gibt es trotzdem nicht. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, es besser zu machen. Diversität ist kein Zauberstück. Es gibt bereits bewährte Methoden und es gibt Maßnahmen, die sofort umgesetzt werden können. 

Redaktionen könnten beispielsweise eine Datenbank mit Fachleuten erstellen, damit nicht ständig die gleichen Handykontakte angerufen werden. Sie könnten festlegen, wie ihre Titelblätter aussehen sollen, und evaluieren, wie oft etwa Frauen als Pro­tagonistinnen vorkommen. Journalistenkollegen, die zu rein männlich besetzten Expertenrunden geladen werden, könnten diesen einfach mal eine Absage erteilen, um Sensibilität zu schaffen. Bisher hat es sich schließlich nicht überall etabliert, Diskussionsformate vielfältig zu besetzen. Redaktionsleitungen könnten noch heute Diversität zu einer Priorität im Haus erklären, entsprechende Aufträge verteilen und Zuständige ernennen. Sie könnten Bildredaktionen zu vielfältigeren Motiven anweisen. 

Chefredakteure könnten selbst in Editorials einräumen, dass ihre Redaktion nicht divers ist und sie das verändern wollen. Vielleicht würden sie mit so einem Bekenntnis auch mal Bewerbungen von Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen erhalten. Auch Stellenausschreibungen könnten geändert werden und gezielt Talente ohne Journalistenschule oder Studienabschluss ansprechen. In mi­grantischen Familien gilt Journalismus meist als unerreichbarer oder unsicherer Job. Mit Vorbildern aus diesen Communitys könnten Medien mehr Sichtbarkeit und Nahbarkeit schaffen. 

Keine Redaktion braucht also im Jahr 2023 noch erzählen, dass sie gerne diverser wäre, aber nicht wüsste, was sie da machen kann. Aber schon an den kleinen Dingen hapert es. Dabei geht es letztlich auch um die Zukunft der Medienhäuser selbst: Sie entfernen sich sonst immer weiter von der Lebensrealität vieler Menschen.

Schon jetzt können viele Jüngere mit den großen Medienmarken nur wenig anfangen. Starke Stimmen bauen sich ihre Präsenz in sozialen Medien und anderen Onlinekanälen auf. Journalistischen Talenten steht heute zudem vom Content Creator bis zum UX Writer eine deutlich größere Anzahl an Jobmöglichkeiten offen als früher und andere Branchen werben mit attraktiver Bezahlung und New Work um sie. 

Doch mittlerweile scheinen einige sowieso zu denken, die Branche sei jetzt vielfältig genug. So in etwa erklärte mir das ein bekannter Journalist zuletzt. Er zählte ein paar Namen auf: der Redakteur da, die Kolumnistin dort, und die Nachrichtensprecherin nicht zu vergessen. Es habe sich bereits viel geändert, resümierte er. So schnell geht das also. Nachdem bestimmte Gruppen früher gar nicht vertreten waren, werden die wenigen Journalistinnen und Journalisten, die es geschafft haben, schon als „viele“ wahrgenommen. Auch deshalb muss immer wieder hingeschaut werden. Denn „viele“, das sind nach wie vor jene, die medial nicht repräsentiert sind. 


Dieser Text ist in Ausgabe 01/23 erschienen. Die aktuelle Ausgabe medium magazin 03/2023  mit den spannendsten journalistischen Talenten des Jahres 2023, einem Hintergrund zu Jan Böhmermanns Umgang mit Kritik sowie ganz viel Nutzwert für die journalistische Berufspraxis ist ab sofort digital oder als Printausgabe hier erhältlich oder im ikiosk.