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Medium Magazin 04/2020

EDITORIAL / Annette Milz, Chefredakteurin

 

Wohlfeile Worte reichen nicht

Mathias Döpfner schiebt Bild-Schuld auf die Schultern der Branche. Seiner eigenen Verantwortung wird er damit nicht gerecht.

„Journalismus, unabhängige und kritische Recherche, ist wichtiger denn je.“ Tusch für diese Feststellung von Mathias Döpfner als frisch wiedergewähltem Präsidenten des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV)! Auch dafür: „Immer wieder passieren Fehler. Aber wir Verleger und Journalisten übernehmen in der Regel für diese Fehler Verantwortung. Wir korrigieren sie und wir tragen ggf. auch die rechtlichen Konsequenzen.“

Vielfach zitiert wurde aber ein anderer Satz Döpfners aus jener Rede am 15. September: „Wir haben Fehler gemacht bei Axel Springer.“ Wie wahr.

Bild hatte wie zuerst auch RTL nach den Kindermorden in Solingen u. a. einen zwölfjährigen Freund zu Chatnachrichten des überlebenden elfjährigen Jungen interviewt, mit voller Namensnennung (wofür sich RTL kurz darauf entschuldigte, den Beitrag änderte und den Film löschte). Während RTL, wie übrigens auch Rheinische Post und Süddeutsche, aus dem Chat zitierte, ging Bild noch weiter, veröffentlichte die verzweifelten Nachrichten des Kindes und hatte keine Skrupel, das als Akquise für sein Bezahlformat einzusetzen – „womit die Boulevardmedien noch Profit aus der Tragödie geschlagen haben“, wie auch die Stadt Solingen scharf kritisiert. Sie hat dazu wegen mehrfacher Verstöße gegen den Pressekodex Beschwerde eingereicht beim Presserat, eine von 178 allein zu diesem Fall; der Beschwerdeausschuss wird am 3. Dezember dazu tagen.

Die Rüge hat der Springer-Chef selbst quasi vorgenommen, denn er erklärte in seiner Ansprache auch: „Wir haben den Schutz von Minderjährigen in diesem Fall eindeutig missachtet … Wir haben intern seither sehr viel und sehr kritisch über diesen Vorgang diskutiert, wir wollen und wir müssen das in Zukunft besser machen.“

Was aber ist von diesem Bekenntnis eines Medienchefs zu halten, der seine Rolle als Verbandschef nutzt, um Schuld im eigenen Haus auf die Schultern der gesamten Branche zu laden, indem er das zugleich auch „Anlass“ nennt „für eine breite Debatte über Standards und Werte im Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Presse auf der einen Seite und dem berechtigten Schutz von Persönlichkeitsrechten“ auf der anderen? Selbst als Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen und Moderator des Kongresses, im Livestream nach den konkreten internen Lehren von Solingen fragte, blieb Döpfner bei Allgemeinplätzen, schwurbelte von Individualverantwortung und Einzelfallprüfung, einem Austarieren von Prinzipien und der Notwendigkeit einer gemeinsamen Diskussion – denn das betreffe „keineswegs nur die Journalisten der Boulevardzeitung“.

Die Rügen-Statistik des Presserats spricht eine deutlichere Sprache: Allein an Bild ergingen bis September in diesem Jahr 15 von 34 Rügen (2019 gesamt: zwölf von 34, 2018: neun von 28) – die meisten wegen Verletzung des Persönlichkeitsschutzes (Ziffer 8).

Döpfner sprach beim virtuellen BDZV-Kongress 18 Minuten lang über die Bedeutung der journalistischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Medien, über notwendige Vielfalt an Meinungen, über Aktionismus („das Gegenteil von Journalismus“), Glaubwürdigkeit und Vertrauen („unser wichtigstes Kapital“). Das Wort „Transparenz“ hingegen fiel kein einziges Mal.

Anders als in den Antworten der Journalistinnen und Journalisten, die wir für diese Ausgabe unter anderem gefragt haben, welche Maßnahmen gegen Vertrauensverlust in die Medien sie für geboten halten (Seite 22): Häufig wird dort Transparenz und eine offene Fehlerkultur genannt. Denn: „Transparenz ist ein wesentlicher vertrauensbildender Faktor – auf zwei Ebenen: dem Zustandekommen der Berichterstattung und der Offenlegung von Fehlern“, sagt beispielsweise Tanja Köhler vom Deutschlandfunk, die gerade das lesenswerte Handbuch „Fake News, Framing, Fact-Checking: Nachrichten im digitalen Zeitalter“ herausgegeben hat.

Anders auch die taz, die in eigener Sache Transparenz vormachte: Im Sturm der Entrüstung über die umstrittene Polizei-Kolumne (382 Beschwerden landeten beim Presserat, der sich jedoch gegen eine Rüge entschied) machte die Redaktion auch die schmerzhafte hausinterne Diskussion öffentlich und stellte sich der Kritik. Nicht so Bild und Axel Springer.

Wenn Mathias Döpfner als oberster Chef von Bild und als Cheflobbyist der Zeitungsverleger es mit der selbst proklamierten Verantwortung wirklich ernst nähme, würde er nicht nur Ansprachen halten, sondern Zeichen setzen. Im eigenen Haus und für die Branche. Wohlfeile Worte reichen schon lange nicht mehr.

 

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