Siri Warrlich

Videoredakteurin, "Stuttgarter Zeitung" / "Stuttgarter Nachrichten"

 Wichtigste Stationen?


– 2008 – 2011: Uni Mannheim, Bachelor Kultur und Wirtschaft (Germanistik/BWL)
– 2010 – 2011: Marmara Universität, Istanbul, Auslandssemester
– 2009 – 2016: Journalistenausbildung der Konrad-Adenauer-Stiftung
– 2011 – 2012: Goethe-Institut Johannesburg, „Kulturweit“-Freiwilligendienst
– 2012 – 2014: University of Oxford, Master Internationale Entwicklung
– 2012: Hamburger Stipendium für Master im Ausland (damals ein Programm der Hans-Weisser-Stiftung) in Höhe von 15 000 Euro
– 2014: UNDP, New York, Carlo-Schmid-Programm
– 2015 – 2016: „Stuttgarter Zeitung“ & „Stuttgarter Nachrichten“, Volontariat
– 2015: Medienpreis Bildungsjournalismus der Deutschen Telekom Stiftung
– seit 2017: „Stuttgarter Zeitung“ & „Stuttgarter Nachrichten“, Videoredakteurin

Auf welche Geschichte sind Sie besonders stolz?
Besonders gelungen: die Multimedia-Reportage „Die Reifeprüfung“ über eine Schülergruppe aus der Region Stuttgart, die für ihr Abitur die Alpen mit dem Fahrrad überquert hat. Weil ich selbst mit dem Rad anreisen musste und nur sehr wenig Equipment mitnehmen konnte, habe ich die Reportage komplett mit dem Iphone 6 (und einer GoPro) gedreht – als Mobile Journalism-Projekt in der Form eine Neuheit im Stuttgarter Pressehaus.
Besonders stolz: Ich bin stolz auf die Serie „Ein Jahr Deutschland„. Im Herbst 2015 wollten wir bei uns in der Redaktion weg von einer meldungs- und zahlengetriebenen Berichterstattung über den Zustrom von Asylbewerbern. Stattdessen wollten wir die langfristige Entwicklung thematisieren. Bei der Suche nach Protagonisten lernten meine Kollegen Melanie Maier, Hanna Spanhel, Jürgen Bock und ich Sahel, Abdul und Hassan kennen – zwei Brüder und ein Cousin aus Syrien. Ein Jahr lang begleiteten wir die drei. Neben Reportagen mit persönlichen Eindrücken konnten wir dadurch auch auch relevante Nachrichten präsentieren, die ohne das Projekt im Raum Stuttgart vermutlich nicht an die Öffentlichkeit gelangt wären. Zwei Beispiele: 1) Die Pässe der drei gingen zwischen Bundespolizei und Bamf verloren. Das verlängerte den Asylprozess und machte uns nach weiterer Recherche klar, dass dasselbe Problem auch bei anderen Asylbewerbern aufgetreten ist. 2) Am Tag der Asylantragstellung bei der Bamf-Außenstelle in Karlsruhe fanden wir heraus, dass der Termin für die Antragstellung stark überbucht war. Viele Asylbewerber wurden am Ende des Tages wieder nach Hause geschickt, ohne dass sie wie geplant ihren Antrag stellen konnten – und das, obwohl viele dieser Menschen zu dem Zeitpunkt schon mehrere Monate in Deutschland waren und ihnen der Termin Wochen im Voraus zugeteilt worden war. Land und Bund schoben sich dafür gegenseitig die Schuld.
Insgesamt war die Serie meiner Meinung nach im Hinblick auf die begrenzten Ressourcen bei einer Regionalzeitung ein Erfolg. Am Ende des Jahres ist auch ein Multimedia-Stück aus der Serie entstanden.

Was planen Sie als nächstes?
Ich plane, im Pressehaus Stuttgart für die Portale www.stuttgarter-zeitung.de und www.stn.de eine erfolgreiche und innovative Video-Redaktion aufzubauen.

Im Anschluss an mein Volontariat habe ich Anfang 2017 einen der bislang zwei Video-Redakteursposten im Haus angetreten (die erste Stelle wurde Mitte 2016 besetzt). Mein Kollege Hannes Opel und ich leisten hier bei uns im Haus dementsprechend Pionierarbeit. Auf der einen Seite planen, drehen und schneiden wir fast allen Video-Content, der hier bei uns im Haus derzeit entsteht, selbst – sowohl für tagesaktuelle, nachrichtliche Stücke als auch für größere Multimedia-Reportagen. Auf der anderen Seite arbeiten wir konzeptuell daran, eine Videoredaktion aufzubauen. So arbeite ich derzeit etwa an einer Videostrategie für unser Haus, denke mir neue Videoformate aus und schule Kollegen im Bereich Mobile Journalism.

Wir haben schon einiges erreicht. Im ersten Halbjahr 2017 konnten wir unsere Videoabrufe im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast das fünffache steigern. Mein Plan ist, diesen Weg erfolgreich weiterzugehen.

Inhaltliche Pläne habe ich auch zahlreiche. Einige davon: Ich spiele mit dem Gedanken, Eizellen einfrieren zu lassen und würde über diese Erfahrung gerne berichten. Außerdem beobachten meine WG-Mitbewohner und ich häufig die Bewohner der Sozialunterkunft „Hotel Weimar“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Fassade der beiden Gebäude sind eins zu eins gespiegelt. Wer ist der Mann, der im Zimmer direkt gegenüber meinem wohnt? Der Mann, dem ich oft beim Fernsehen zusehe und der mich wiederum beobachtet, wie ich auf dem Standrad in meinem Zimmer schwitze? Sind unsere Leben tatsächlich so unterschiedlich wie ich denke? Und wenn ja – an welchen Gabelungen haben wir unterschiedliche Wege eingeschlagen? Warum? Hatte der eine schlicht Glück und der andere Pech – oder steckt mehr dahinter? Antworten auf diese Fragen möchte ich voraussichtlich in einem Podcast finden. Ende dieser Woche treffe ich die Bewohner und Sozialarbeit der Unterkunft das erste Mal zu einem Vorgespräch. Es wäre der erste Podcast aus dem Stuttgarter Pressehaus.

Wie würden Sie gerne in zehn Jahren arbeiten?
Ich würde innerhalb der nächsten zehn Jahre gerne eine Antwort auf die Frage finden, was in Zeiten des Überflusses an Informationen und der daraus resultierenden Knappheit von Aufmerksamkeit eigentlich guter Journalismus ist – vor allem auf lokaler und regionaler Ebene. Sobald ich eine zufriedenstellende Antwort gefunden habe, würde ich gerne in zehn Jahren Lokal- und Regionalredaktionen helfen, sich dementsprechend auszurichten.

Natürlich möchte ich auch weiterhin inhaltlich als Journalistin arbeiten. Doch seitdem ich den Posten als Videoredakteurin angetreten habe, merke ich viel intensiver als früher, wie stark gute journalistische Arbeit von den organisatorischen Rahmenbedingungen abhängt. Einige konkrete Beispiele: Wie schaffen wir es, ältere Kollegen bei der Aussicht mit ins Boot zu holen, dass sich ihr Berufsbild in den nächsten 1-2 Jahren stark ändern wird? Wie kommunizieren wir ein neues Tätigkeitsfeld (Video) innerhalb einer Gesamtredaktion von etwa 200 Kollegen und etablieren das Thema langfristig? Wie gelingt der Weg von „Wir machen eine Tageszeitung“ hin zu „Wir erzählen unabhängig von Andruckzeiten den ganzen Tag über hinweg spannende Geschichten und produzieren Nachrichten für viele verschiedene Kanäle, wobei die Tageszeitung nur noch einer unter vielen ist“?

Ich finde es extrem spannend, diesen Transformationsprozess aktuell hier bei uns im Haus mitzuerleben. Und ich merke, dass es mir liegt, hier mitzugestalten. Zum Beispiel bekomme ich häufig die Rückmeldung, dass ich Menschen aus verschiedenen Ressorts mit unterschiedlichen Arbeitsansätzen zusammenbringen und Kollegen in Workshops die Angst vor neuer Technik nehmen kann. Deshalb möchte ich diesen Prozess auch in anderen Medienhäusern künftig mitgestalten.

Außerdem möchte ich unbedingt in den nächsten Jahren wieder ins Ausland.

Welcher gute Rat hat Ihnen in Ihrer Laufbahn besonders weitergeholfen?
Der Rat meiner Mutter: Frech sein. So lange fragen, bis man das, was man wissen will, wirklich verstanden hat. Und sich dabei unter keinen Umständen von Machtpositionen wie Einkommen, Amt oder Geschlecht einschüchtern lassen.

Welche/r Kollege/in hat Ihnen besonders geholfen?
Hannes Opel, mein Videokollege bei der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“: Ich habe in den letzten Monaten viel von ihm gelernt. Unter anderem, dass man als stressresistenter VJ zu jeder Zeit ein paar Kopfhörer in der Hosentasche und eine Flasche Notfall-Korn in der Schreibtischschublade haben sollte.
Stefanie Zenke und Swantje Dake, meine zwei Chefinnen: Sie setzen sich enorm für Veränderungen und Neuerungen im Stuttgarter Pressehaus ein und ermöglichen durch ihr Vertrauen, dass wir viel Neues ausprobieren können und dabei auch mal scheitern dürfen.
Marcus Nicolini, Leiter der Journalistenausbildung der Konrad-Adenauer-Stiftung: Er war jahrelang zu jeder Zeit für Rat und Einschätzungen erreichbar, was bei mir bei so mancher Entscheidung geholfen hat.

Warum tun Sie eigentlich, was Sie tun?
Im Laufe der Schulzeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich einen Beruf ausüben möchte, der über das pure Streben nach Gewinn in unserem Wirtschaftskreislauf hinausgeht und von dem ich mir zumindest einbilden kann, er erfülle einen höheren gesellschaftlichen Zweck.
Das wollte ich mit meinen Neigungen kombinieren: enorme Neugier, Abenteuerlust, Freude daran, mich in komplexe Themen einzuarbeiten. Hinzu kamen Vorbilder wie meine Großeltern, zwei freie Reisejournalisten, die mich inspiriert haben. Deshalb bin ich Journalistin geworden und bislang froh wie der Mops im Haferstroh mit dieser Entscheidung.

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